2010/02/07

What is it, like checkers?



Freunde, seid ihr dabei?
Millionen Menschen leisten euch Gesellschaft.
Sie sind süchtig nach einem komplett bescheuerten, pseudoreligiösen und schicksalsgeilen Robinson-Crusoe-Einsame-Insel-Mystery-Ethno-Kokosnuss-Time-Travel-Abenteuerscheiß. Mich eingeschlossen. Dabei sind die Darstellerleistungen allenfalls mittelmäßig, die Dialoge gerne mal ultraflach und die Charakterzeichnung maximal eindimensional. Es gibt also eigentlich sehr viele mindestens sehenswertere Serien. Aber man schaut das, weil man Antworten wissen will. Mysteries solved ist wonach man giert. Und das ist denn auch das Prinzip der Quotenangel: Die Lösungen gibt es natürlich nicht. Und wenn, dann nur Salamitaktik, während gleichzeitig weitere große Rätsel am besoffenen Reißbrett der Drehbuchautoren gewahnwitzelt werden. So dass man immer weiter schaut, falls man eine ziemlich hohe Frustrationstoleranz hat. Denn natürlich führt aus diesem Murks kein einfacher Weg mehr heraus. Am Ende sind Außerirdische aus einer fernen Galaxie schuld, die über superadvanced technologies verfügen und mit schwarzem Nebel, ferngesteuerten Körpern und Raum-Zeit-Kontinuen spielen. Achja. Wir freuen uns auf den Mai, dann ist alles vorbei. 16 to go. Namaste.

Foto via.

josé james

Freunde, produced by Flying Lotus.



José James

2010/02/06

wkndbrksXXXII female vocalist special



















Freunde, drei sehr neue Songs. Dreimal weibliche Vokalistenkunst. Please enjoy.

Joanna Newsom - Good Intentions Paving Company (2010)







[Joanna Newsom|Dragcity|Download|Pre-Order_HaveOneOnMe]

Massive Attack - Babel (2010)







[Martina Topley-Bird|Virgin|BUY__Heligoland]

Erykah Badu - Window Seat (2010)







[Erykah Badu|UniversalMotown|Download|New Amerykah, Part II: Return Of The Ankh_tobereleasedon03302010]

roll the dice



Massively anticipated release of this mysterious Fever Ray related project for fans of John Carpenter, Emeralds, Cluster, Afx - on a strictly limited vinyl pressing* Roll The Dice is a very special collaboration between two Swedish studio boffins, Peder Mannerfelt and Malcolm Pardon. The keener eyed among you will recognise Mannerfelt from his involvement with the stunning Fever Ray project, while Pardon is known for his work as a behind-the-scenes producer of music for film and TV. They've shared a studio in southern Stockholm for several years so it only seemed logical to combine their passions for analog electronic music beyond the odd techno track they'd been known to make. So the decision to construct an album using only synths and piano was made, resulting in a semi-improvised opus that ranks alongside recent releases by Emeralds and strongly harks back to the minimal expressions of later Roedelius or the intuitive drama of John Carpenter. A working method was established where the duo would enter the studio with no pro-conceived ideas, inspiring a freeform aesthetic which found structure in repetition and understated progression, sometimes blooming like a spiritual Arvo Pärt composition, as with 'After', or at times conducting their feelings via Basic Channel styled metallic bass throbs reflecting chromatic synth patterns as vividly cinematic as the northern lights, namely with 'Swing'. The absence of drum machines and computer sequencing means that the duo rely on innate precision, guided by the same sort of kosmiche spirit that made Cluster's heavenly transportations so spectacular, and which they manage to parallel in the majestic ascent of hypnotic piano and subtly swelling synths on 'Undertow'. Giving a final shape to the product, the project was finished on the legendary API desk of Gröndal studios in west Stockholm, the desk of choice for Timbaland outside of the US, giving a hallucinatory hi-end gleam to their widescreen vision. Essential Purchase!

it's the landtagswahl, stupid

Freunde, wer sich fragt, wieso sich Schwarz und Geld Gelb derweil so schlecht verstehen, der muss nicht unbedingt die programmatische Ausrichtung und ideologische Verfestigung der beiden Parteien auf ihre allzu offensichtlichen Diskrepanzen untersuchen – da war sicherlich mehr Liebe zwischen Sozis und Christsozialen.

Nein, es reicht, einen Blick an den Rhein, nach Düsseldorf, zu werfen, wo ein schwarzer Sozialist und Protektionist, ja wohl auch ein nicht mehr mit Nokia-Mobiltelefonen telefonierender Feind von Marktwirtschaft, Binnenmarkt und Globalisierung, im SPIEGEL sagt, was Sache ist.

Der Mann stellt sich auf der einen Seite quer gegen das paradigmatische Steuersenkungsversprechen, dem sich insbesondere die Liberalen verpflichtet fühlen, und für das sie wohl bis aufs Blut (vergeblich) kämpfen werden. Denn es wird letztlich wohl nur ein wenig Speck am Mittelstandsbauch abgesaugt – wenn überhaupt. Der gute Rüttgers jedenfalls, von ihm ist hier die Rede, wird keinem Nonsens zustimmen, der Schwimmbäder, Museen und Theater killt. Nun gut: Die Landespolitik steht an sich den Kommunen näher als die Bundespolitik. Aber er fährt seiner befreundeten Hauptstadtmannschaft da ganz schön in die Karre. Chapeau!

Auf der anderen Seiten steht ein weiterer FDP-Diss. Kopfpauschale is' nich', sagt der Jürgen. Weil man – und da beweist der MP-NRW kluge Kalkulation – eine Steuerfinanzierung als Sozialausgleich ja irgendwie nur kostenneutral hinbekommt, wenn die Haushalte einigermaßen solide sind, Spielräume bieten. Steuern zu senken und die Krankheiten der Armen über Steuern auszugleichen – kommt dem guten Jürgen auch irgendwie komisch vor.

Wieso ist der Mann also so frech?
Es ist offensichtlich: Er hat Angst, dass er aus seinem Turm mit Rheinblick raus muss. Dass er das schwarz-gelbe Desaster im Bund daheim ausbaden muss. Ohne Rheinheizung.

Es wird also in jedem Fall spannend, wenn am 9. Mai wieder weniger Nordrhein-Westfalen zur Urne gehen. Reichts für die aktuell amtierenden Hochschulbefreier? Springen die Grünen mit den Schwarzen ins Bett? Gibt die CDU die Kraft wieder her oder macht sie gemeinsame Sache in großkoalitionären Zirkeln? Wieviel Kommunisten verstecken sich in NRW und wählen die Outsider-Partei "Linke"?

166mhz bleibt dran. Schließlich steht die Mehrheit im Bundesrat auf dem Spiel. Checks and Balances in Germany, we love 'em.

roger über frauke

Freunde, habe ich hier wohl noch nie erwähnt: Die Schmähkritik, eine Reihe des taz-Blogs "Monarchie & Alltag" ist hin und wieder ganz lesenswert. Zum Beispiel, wenn Roger Willemsen in einem Interview mit der SZ die tatsächlich reichlich ekelige (das Format färbt natürlich ab) Frauke Ludowig disst:
“Politik wird heute durch Frauke Ludowig gemacht. Wenn man jemanden abschießen will, Horst Seehofer etwa, dann findet das zum großen Teil im bunten Bereich statt. Das ist natürlich fatal. Und gerade bei Frau Ludowig ist der Rigorismus, mit dem über Personen gescharfrichtert wird, alles andere als harmlos. Die Klatschreporter agieren moralisch wie die Ayatollahs des Westens. (…) Frauke Ludowig ist ja eigentlich für das Fernsehmoderieren nicht eben prädestiniert. Sie hechelt und muss eine künstliche Form von Attraktivität immer neu erschaffen. Allein wie sie ihren eigenen Namen jeden Abend nennen muss, ist ein allabendlicher Fernsehhöhepunkt für mich ist. Sie weiß ja auch nicht, warum sie uns das jeden Abend sagt. Es ist ihr sogar selbst unangenehm.”

2010/02/05

soulphiction



Freunde, aus gegebenem Anlass:
Soulphiction aka Jackmate aus der Hauptstadt des schönen, aber zumindest dem Klischee nach eher geizigen und wohl auch nicht so sehr dem Englisch mächtigen Schwabenlandes hat ein neues Album aufgenommen und vor einigen Tagen veröffentlicht. Die Featured Artist LP ist natürlich sehr gut geworden. Erschienen bei Sonar Kollektiv, zu kaufen bei Boomkat (Flac/Kreditkarte) oder Amazon (MP3/Lastschrift). Hören könnt ihr hier Soulphictions Beitrag zu den RA Podcasts.

2010/02/03

der doofe name

Freunde, die Uschi mag den Begriff "Hartz IV" nicht, der sei so "sehr negativ besetzt", sagt sie im ersten deutschen Fernsehen.

Da müsse etwas Neues her, und außerdem:
„Ich finde, man darf so ein Wort oder einen Namen nicht von oben verordnen, sondern das muss sich entwickeln.“
Als Zuschauer merkt man da gleich: Irgendetwas stimmt nicht. Bei der Uschi im Kopf womöglich. Wir dröseln das mal auf:

1. Der Begriff ist "sehr negativ besetzt" (=> oha, da muss "bottom-up" etwas passiert sein!)
2. Das ist schade, weil Hartz IV eine wunderbare Sache ist.
3. Man braucht also einen neuen Begriff.
4. Aber: Sowas geht ja nicht "top-down", nein, "das muss sich entwickeln".
(=> ja, genau, "bottom-up", die Begriffsrevolution von unten. Aber: Die hat ja schon stattgefunden!?)

Wir sehen: Uschi konstruiert hier ein beinhartes Dilemma. Ich sehe nur einen Weg. Und der führt am Begriff vorbei.

Also ziemlich dumm, das Getröte der Arbeitsministerin.

Im Übrigen auch brutal zynisch ist Uschis Rhetorik, wenn es ihr darum geht, darüber zu reden, wie man den vielen "Hilfebedürftigen", die der Markt so produziert, Beine macht und sie vom alle Eigenverantwortung vernichtenden Leistungstropf des Staates abhängt. Uschi will die Kindergeld-in-Flatscreen-Konvertierer dann "an die Hand nehmen", ihnen "Mut machen", sie "gezielt fördern und fordern", "Leidenschaft wecken", "Hilfen aus einer Hand" bereitstellen etc. pp.

Mir wird dann immer schlecht, aber die Uschi lächelt das alles weg.

2010/02/02

das staatsgeschäft mit dem verbrecher

"Wir wollen keinen gläsernen Bürger, wir wollen einen gläsernen Verbrecher."
Siegfried Kauder (CDU) über die Vorratsdatenspeicherung.
"Der Zweck heiligt nicht die Mittel. (…) Wenn es rechtliche Zweifel gibt, muss die Bundesregierung ihre Finger davon lassen."
Josef Schlarmann (CDU) zum Kauf der Steuerdaten-CD.

Freunde, und der Heckler & Koch Lobbyist Volker Kauder meint:
"Diebstahl bleibt Diebstahl. Mit Dieben sollte sich der Staat nicht gemeinmachen."
Dass die Argumentation einiger CDU-Politiker ziemlich scheinheilig ist, hat heute Yassin Musharbash auf Spon mit einigen Anmerkungen deutlich gemacht. Weil nämlich, ganz entgegen der Kauderschen Empörungssimulation, der Staat und u.a. seine Geheimdienste oder Verfassungsschützer sich gerne mal mit Verbrechern und Dieben gemein machen. Oder Terroristen Geld bezahlt, die Staatsbürger entführen. Musharbash schreibt:
"Nun ist die Steuerfahndung kein Geheimdienst und sollte auch keiner werden. Es geht in der Frage, ob der deutsche Staat die CD mit mutmaßlich illegal erworbenen Daten mutmaßlicher Steuersünder kaufen darf, auch nicht um Leben und Tod.

Es geht aber unter anderem um argumentative Lauterkeit. Wer dem Staat in anderen Fällen - neben den beschriebenen könnte man noch die Kronzeugenregelung oder die finanzielle Unterstützung von V-Leuten nennen - Bewegungsfreiheit in rechtlichen Grauzonen zugesteht, der muss bessere Gründe dafür nennen, dass ausgerechnet die besagte CD nicht erworben werden soll.

Das Argument, der Staat habe genau so gesetzestreu wie seine Bürger zu sein, greift dann nämlich nicht. Zumal mit Blick auf den Präzedenzfall in der Liechtenstein-Affäre 2008, als offenbar vergleichbare Datensätze vom BND erworben wurden. Bisher hat noch kein Gericht geurteilt, dass diese Daten nicht verwertbar seien.

Sicher, Daten von mutmaßlichen Kriminellen zu kaufen, hat einen schalen Beigeschmack. Nachahmer könnten dadurch angelockt werden. Das gilt aber auch für Zahlungen an Entführer. Im Unterschied zum Lösegeld, das in dunklen Kanälen versickert, lohnt sich der CD-Kauf allerdings für den Staat, wenn die Fiskusflüchtlinge im Anschluss zur Kasse gebeten werden. Und der Vorgang schreckt möglicherweise weitere Steuerhinterzieher ab. Das wären die offensichtlichen Vorteile, wenn die Regierung sich zum Kauf durchringt.

Jeder einzelne der mutmaßlichen Steuersünder dürfte übrigens deutlich mehr hinterzogen haben als der dreisteste Hartz-IV-Betrüger. Es ist gerade einmal zwei Wochen her, da waren angeblich faule Arbeitslose das große Aufregerthema. Wie würde die Diskussion wohl laufen, wenn es um eine CD mit den Datensätzen mutmaßlicher Sozialbetrüger ginge?

Wer diesen Vergleich als puren Populismus abtut vergisst: Auch Steuerhinterzieher sind Sozialbetrüger."
Insbesondere, was die letzten beiden Absätze angeht, würde auch ich meine Hand nicht dafür ins Feuer legen wollen, dass gewisse Christdemokraten da virtuos mit doppelten Maßstäben hantieren.

Prolog via

2010/01/31

weekendbreaks XXXI



Freunde, drei Songs aus 20526.

Moodymann - People (2003)







[Moodymann|Peacefrog|BUY__SilenceInTheSecretGarden|
Der Moodymann, wer mag ihn nicht]

The Other People Place - Moonlight Rendezvous (2001)







[TheOtherPeoplePlace|Warp|BUY__LifestylesOfTheLaptopCafé|
Wirklich bemerkenswert gutes Album. Der Macher, James Stinson, ging in der Zwischenzeit von uns. Rest In Peace, dear Genius]

Wolfgang Voigt - Zither und Horn (2010)







[WolfgangVoigt|Kompakt|BUY__PopAmbient2010|
Die Kölner haben mal wieder eine ganz ausgezeichnet unaufgeregte Ambient-Compilation aufgelegt. Hier: Bayrische Volksmusik. Der Track vom Koze ist auch sehr gut]

2010/01/28

affirmativer retrenchment-journalismus

Freunde, die gelegentlich kriegstreiberische*, neuerdings FDP-verliebte Wochenzeitung die ZEIT hat heute einen großen Artikel über die Hartz-Reformen, genauer gesagt das Vierte Gesetz für moderne Feierei am Arbeitsmarkt (Hartz 4), veröffentlicht.

Tenor: Alles super!
Noch ein bißchen Geld für's Fördern ausgeben und die Sache läuft.

Kritik? Fehlanzeige.

Im Jobcenter Mannheim ist schließlich alles super.
Und überhaupt: Einen Niedriglohnsektor gab's ja auch schon vor 2005.
Und vor 2005 wurden ja auch schon Leistungen gekürzt.
Und vor 2005 musste man ja auch schon jede zumutbare Arbeit annehmen.

Also: Aktivierende Arbeitsmarktpolitik funktioniert! Sie ist ein Erfolg! Hurra! Ja! Ja?

Was meint denn überhaupt Aktivierung, wo setzt sie an und welche Implikation hat das neue Heilskonzept am Arbeitsmarkt?
Damit sich auseinanderzusetzen, hatten die Autoren der ZEIT wohl keine Zeit oder Muße. Dabei sind dieses Prinzip und seine Aspekte zentraler Kern der Hartz-Reformen und schon aus folgenden Gründen in jedem Fall fragwürdig, also im Wortsinne kritisch zu sehen:
Individualisierung

Gegenstand der Intervention ist das individuelle Erwerbsverhalten, nicht mehr die Wirtschaft oder der Markt. Die Notwendigkeit einer individualisierenden Vorgehensweise ergibt sich aus der Anforderung, das Erwerbspersonenpotenzial möglichst vollständig zu mobilisieren, bei Arbeitslosen bzw. Arbeitssuchenden frühzeitig zu intervenieren, in regelmäßigen Kontakt mit ihnen ihre Suchintensität zu überwachen und, falls dies erforderlich scheint, ihre Konzessionsbereichtschaft zu erhöhen. Auf diesem Individualisierungsgrundsatz beruht der zentrale Stellenwert der Arbeitsmarktdienstleistungen für die Aktivierungspolitik. Für den Leistungsprozess entstehen daraus widersprüchliche Folgen:

- Beschäftigungsfähigkeit wird als individuelle Eigenschaft verstanden, die bei Arbeitssuchenden defizitär ist. Im Begriff der Aktivierung und seiner Eindeutschung zum „Forden und Fördern“ liegt – wie in der vormodernen Armenfürsorge – eine Defizitkonstruktion, also eine persönliche Problem- und Schuldzuschreibung, die einen Anspruch der Arbeitsverwaltung auf Verhaltenskontrolle und ein „therapeutisches“ oder strafendes Interventionsmodell begründet.
[...]

Eingliederung in den Arbeitsmarkt

Entsprechend ihrem ökonomischen Auftrag ist eine aktivierende Arbeitsweise „vor allem auf die ‚Verfügbarmachung‘ der Arbeitskraft“ ausgerichtet; die vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung bezeichnet dies auch als „Ökonomisierung des Bürgerstatus“ oder „Rekommodifizierung der Arbeitskraft“. Die Arbeitsverwaltung soll möglichst alle Erwerbspersonen, auch die mit geringen Arbeitsmarktchancen, als Arbeitskräfte verfügbar halten und verhindern, dass Arbeitslosigkeit bzw. der Bezug von Lohnersatzleistungen den Rückzug vom Arbeitsmarkt deckt. Eine solche Arbeitsweise kann jedoch in Widerspruch zum tatsächlichen Arbeitsmarktgeschehen geraten:

- Aktivierung unterstellt, dass jede Form der Arbeit besser ist als keine: Bereits die Teilnahme am Arbeitsmarkt garantiert Teilhabe und wird als Antwort auf die Risiken von Ausgrenzung und Prekarität gesehen. Dieser „Arbeitsmythos“ legitimiert, dass Qualität der Arbeit aufhört, ein Ziel der Arbeitsvermittlung zu sein. Selbst die verpflichtende Heranziehung zu Arbeitsgelegenheiten kann so als „Vorbedingung gesellschaftlicher Teilhabe“ gedeutet werden.

- Die Intervention als „Eingliederung“ anzulegen, heißt von der Annahme auszugehen, dass für den Einzelnen Arbeit erreichbar ist und dass der individuelle Abstand zur angenommenen erwerbsgesellschaftlichen Normalität durch eine objektiv bestimmbare Eingliederungsstrategie geschlossen werden kann. Dies bildet ein weiteres Motiv dafür, Eingliederungsziele direktiv vorzugeben und Unterstützungs- und Betreuungsleistungen asymmetrisch auszugestalten. Praktisch jedoch kann die Arbeitsverwaltung ein solches Eingliederungsversprechen nur selten einlösen: Das Stellenangebot und ihre Einschaltung in den Stellenumschlag am Arbeitsmarkt reichen dafür nicht aus und die meisten Arbeitssuchenden finden Stellen durch eigene Aktivität.

- Aktivierung ist darauf angelegt, „den Empfang der Unterstützungsleistung möglichst unattraktiv auszugestalten“. Sie stellt lediglich einen negativen Verfahrenszusammenhang zwischen den sogenannten „passiven“ Geldleistungen und der Vermittlungsberatung her: Die Möglichkeit, existzensichernde Leistungen zu kürzen, soll die Handhabe bieten, um Arbeitssuchende auch gegen ihre Überzeugung zu Änderungen ihres Arbeitsmarktverhaltens zu bewegen. Diese Geringschätzung der Einkommenssicherung entspricht aber nicht den realen Erfordernissen von Arbeitssuche, die ein Mindestmaß an Planbarkeit und Sicherheit der materiellen Lebensumstände voraussetzt.

Vertraglichung

Santkionsbewehrte Vermittlung bedient sich der Vertragsform als „legitimierender Metapher“
. Weder auf Entgeltersatzleistungen noch auf Zugang zu öffentlichen Arbeitsmarktdienstleistungen besteht noch ein sozialer Rechtsanspruch. Vielmehr sind beide Ansprüche erst durch „richtiges“ Erwerbsverhalten zu „verdienen“, das als „Gegenleistung“ eingefordert wird. Dass die Beziehung zwischen Arbeitssuchenden und Arbeitsverwaltung (wie überhaupt die zwischen Bürgern und Staat) als Vertrag mit Rechten und Pflichten gedacht wird, soll die Zwangselemente vieler Aktivierungsmaßnahmen rechtfertigen. Nicht nur Beratung und Vermittlung, sondern auch die Teilnahme an Beschäftigungsmaßnahmen oder Qualifizierungsmaßnahmen sind verpflichtend; Nichtteilnahme wird mit Transferentzug sanktioniert.
Diese Norm der Gegenseitigkeit steht in Widerspruch zu einem historisch gewachsenen Sozialstaatsbewusstsein, nach dem für Leistungen, auf die ein Rechtsanspruch besteht, nicht anderes „geschuldet“ wird als die Einhaltung des Rechts. Sie passt aber auch nicht auf die Realität eines Leistungsprozesses, in dem die Rollen einseitig verteilt sind. Auch wenn sich der Kundenbegriff in der Arbeitsverwaltung durchgesetzt hat, sind doch die Arbeitssuchenden keine zahlenden Kunden, sondern allenfalls „Zwangskunden“, die Dienstleistungen nicht „aus eigenem Antrieb nutzen“, sondern um Recht- und Leistungsansprüche zu wahren. Ein Austauschverhältnis beider Seiten kann als nur moralisch, nicht ökonomisch oder rechtlich konstruiert werden. In der Interaktion fehlen die wesentlichen Merkmale einer „vertragstypischen Situation“: nämliche Freiwilligkeit, gleicher Einfluss auf den Vertragsinhalt und ausgewogene Risikostruktur.

Aktivierung als aufgezwungene Dienstleistung

Das Aktivierungsparadigma legt das „Arbeitsnehmergeschäft“ der Arbeitsverwaltung auf das Profil einer aufgezwungenen Dienstleistung fest. Dies hat zur Folge, dass der zu bearbeitenden Fall immer schon klar ist, wenn sich Adressatin und Vermitllungsfachkraft begegnen. Individualisierende Arbeitsweise und Mitwirkung der Arbeitssuchenden bedeuten in diesem Interventionsmodell, dass Vermittlungsfachkräfte eine individuell angemessene Eingliederungsstrategie vorgeben, ein entsprechendes Suchverhalten sanktionsbewahrt überwachen und dies kommunikativ mehr oder weniger geschickt vermitteln. „Beratung soll einen Handlungsbedarf bearbeiten, der bereits mit der Segmentierung der Kunden definiert ist. Mit anderen Worten: Erst wird der Kunde konstruiert, dann wird er nach diesem Konstrukt ‚erzogen‘.
In der Interaktion zwischen Fachkräften und Adressatinnen stößt eine solche Arbeitsweise an zwei Grenzen: Die eine zieht der Arbeitsmarkt, die andere die Produktionslogik einer personenebezogenen Dienstleistung. Denn deren wichtiste Erfolgsbedingung, das autonome Handeln der Arbeitssuchenden, kann beim Aktivieren stärken. Die Aktivierungslogik macht Arbeitssuchende zum Objekt ihrer Eingliederung – an der sie dann „aktiv mitwirken“ sollen. Dagegen hat Knuth richtig eingewandt, dass „Aktivieren“ zu den Verben gehört, die im Passiv ihren Sinn verlieren: Man kann eigentlich nicht „aktiviert werden“, sondern nur unter Wahrnehmung angebotener Hilfen sich selbst aktivieren.
Doch auch als Zwangsdienstleistung kann Vermittlungsberatung ihren politische Auftrag erfüllen, das Bewerberverhalten zu veränderen: In den Erhebungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zum gesamtwirtschaftlichen Stellenangebot 2005 und 2006 berichet jeder fünfte Betrieb, „dass die Konzessionsbereitschaft arbeitsloser Bewerber in Hinblick auf die Lohnhöhe, die Arbeitsbedingungen und das Qualifikationsniveau der Stelle gestiegen war“.
Dies also alles Punkte, bei denen man ja vielleicht auf irren Umwegen in die Versuchung kommen könnte, zu hinterfragen, ob das alles so Sinn macht.

Man könnte auch schon bei den Prämissen anfangen: Vermeidung von Arbeitslosigkeit durch eine Erhöhung des Arbeitsangebots (erwiesenermaßen Ziel/Effekt der Hartz-Gesetze)? Bei gleichbleibender Arbeitsnachfrage erwartet man also erstmal, dass der Angebotsdruck sich dann verstärkt und die Löhne sinken. Vielleicht ist das ja politisch gewollt, nun gut.

Es gibt aber auch verrückte Wissenschaftler, die argumentieren, man könne Arbeitslosigkeit auch durch eine Reduktion des Arbeitsangebotes senken. Z.B. durch ein Grundeinkommen. Dann hätte man - wiederum bei konstanter Nachfrage - das Lohnproblem nicht.

Leider alles Fragen, die nicht am Horziont von Frau Niejahr und Herrn Rudzio aufblitzten.

* Mein Freund, der mittlerweile wohl in noch stärkerer geistiger Umnachtung publizierende Irakkrieg-Fan Josef Joffe, warf der Vorsitzenden der EKD, Margot Käßmann, letzte Woche vor, ihre Ablehnung des Afghanistan-Einsatzes sei
unmoralisch. Ja, genau, unmoralisch. Ich kann da gar nichts Sinnvolles zu schreiben, habe nur so diffuse Gefühle, Ekel vielleicht...
Jedenfalls musste den Mann in der aktuellen Ausgabe ein Student darüber aufklären, dass Pazifismus sehr wohl als moralisches Konzept druchgehen könnte. Bravo!

naima



Freunde, ich habe eigentlich von Jazz nicht viel Ahnung. Aber das ist weltbeste perfekte Weltmusik. Bringt mich runter, wühlt mich auf. Wenn es um das liebste Coltrane-Album geht, ziehe ich aber dieses Giants Steps vor. Die frickeligen Up-Tempo-Nummern sind nicht wirklich meins.

Und live:

2010/01/27

gadget-love: the new ipad



via

[edit]
Wieder kein Fluxkompensator. So ein Mist.

little dragon // the other people place

Freunde, Little Dragon und Hongkong. Quasi Fast Track Street View:



Ein wunderbares Stück Elektrikmusik von The Other People Place in diesem, unbewegten Videostream. Kauft euch doch Lifestyles of the Laptop Cafe.



Achja, es heißt: Sorrow & A Cup Of Joe. Wir grüßen an dieser Stelle natürlich Special Agent Dale Cooper.

2010/01/26

beach house // caribou

Freunde, zwei großartige Alben aus den Jahren 2007/2008 bekommen nun/bald Nachfolger. Heute erscheint Beach Housens Teen Dream, erst im April erscheint Caribous neues Album Swim.



2010/01/25

pronunciation: under all pig

Freunde, nein, das ist nicht gemein. Das ist nur folgerichtig, denn: Wenn man in einer globalen lohnarbeitsfixierten Wettbewerbs- und Leistungsgesellschaft etwas werden will, muss man ihre Sprache sprechen. Alle anderen werden nichts werden.



Wir meinen: Word Up!

[edit]
Dass man dem Mann auch in seiner Muttersprache nicht immer sicher folgen kann, zeigt eindrücklich dieser Beitrag aus einer beliebten Infotainment-Show in der ARD:

retrospektiver nachschlag mit musik

Freunde, ich habe u.a. mit Hilfe Warps noch einmal in den Kisten aus 2009 gewühlt und sehr viele tolle Sachen gefunden. Mithin gar echte Perlen. Also, checkt das aus, euer Musikgeschmack könnte sich verbessern.

Capracara - King Of The Witches [dfa2208]


Dak - Parked [LR001]







[Standthis heißt das maximal gute, brutal großartige Album, dem dieser Track entnommen ist. Ich highly recommende das für Free-Jazz-Freaks sowie Krach- und Sampelverschnipselungsliebhaber]

Little Dragon - My Step [PFG134CD]

[Schweden/Göteborg, na klar.]

Antipop Consortium - Volcano (Four Tet Remix) [BDCD153P]


SND - 08:21:61 [R-N 107]


Débruit - Echtah [ML 005]








Und noch ein bissel was mit Bildern, Lusine - Two Dots:

weekendbreaks XXX

Freunde, ich bin natürlich zu spät und es ist Wochenanfangsmusik, aber man kann den Namen nicht ändern. Zur dreißigsten Ausgabe eine Neuerung:
Keine Downloads mehr.
Wenn euch der Scheiß gefällt, kauft ihn, klaut ihn, fragt Freunde, whatevA. Ich mache das vor allem aus arbeitsökonomischen Gründen, d.h. ich muss die MP3s nicht mehr in ein LQ-Format konvertieren etc. pp. Und: Der lange Arm des Gesetzes wird so verkürzt.

Four Tet - Plastic People (2010)








[Four Tet|Domino|BUY__There is Love In You|Ja, es ist ein gutes Album.]

Eddie C - Hold On (2009)







[Eddie C|7InchesOfLove|BUY__7 Inches Of Love 2|neues Diso Edit Label founded by The Mole]

Martyn - Friedrichstraße (2010)







[Martyn|Fabric|BUY__Elevator Music Vol. 1|groooßartige Compilation. Kaufbefehl!]

P.S.: Podcasts. Es gibt neue von meinen persönlichen Helden MCDE (das Foto! Tokio Hotel?) und Sprinkles, check em out!

2010/01/24

lka sachsen vs. dresden-nazifrei.de

Freunde, "das Landeskriminalamt Sachsen hat auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Dresden „verfügt”, dass der Provider der Webseite dresden-nazifrei.de diese aus dem Internet nehmen soll (PDF zum Download via Netzpolitik)."

Da ich den Vorgang aus dem Bauch heraus irgendwie ziemlich aufregend finde (in einem negativen Sinne), den Sachverhalt juristisch aber nicht vollständig erfassen, geschweige denn beurteilen kann, lasse ich doch einfach mal die Kollegen von telemedicus zu Wort kommen, die ganz nüchtern Verstoß gegen Formvorschriften, Verfahrensmängel und materielle Fehler konstatieren und zu folgendem Ergebnis kommen:

Rechtsgrundlage (–)

Formelle Rechtmäßigkeit
Zuständigkeit (–)
Verfahren (–)
Form (–)

Materielle Rechtmäßigkeit
Voraussetzungen des § 59 Abs. 3 RStV (–)
Ermessen (–)
Verhältnismäßigkeit (–)


Juristen und motivierte Laien lesen bitte hier weiter (inkl. Kommentare), mehr Infos auch noch bei netzpolitik.org

2010/01/23

der neue focus focus focus

Freunde, die FAZ fragt den dicken Markwort nach der Ausrichtung des "neuen" Focus, der am Montag erscheint.
Sind Titel wie „Die 500 besten Anwälte“, „Die 100 besten Orthopäden“, passé?

Nein. Das ist nicht vorbei, darin liegt eine Kernkompetenz: news to use.
Haha. News To Use. Der Focus als Hammer, oder was? Ich wüsste ja die sinnvollste Verwendung, aber ich glaube, dass ist nicht gut für die Haut dort. Flush It Down The Toilet, people.

die längste brücke der welt



Freunde, eigentlich steht die längste Brücke, der Bang Na Expressway, in Thailand. 54km lang. Es verdichten sich allerdings die Hinweise, dass Deutschland eine noch längere Brücke bekommt. Wie aufregend!

2010/01/22

capo di tutti capi

jaws I

Freunde, in der Reihe "Was würde Pitchfork hören?" heute ein Badeunfall:
Surfer Blood.



2010/01/21

ich habe angst vor philipp rösler

Freunde, die FDP und ihre Schergen spucken in das Gesicht all derjenigen, die regelmäßig auf qualitativ hochwertige Medikamente angewiesen sind (u.a.: ich) und sich im Rahmen einer Solidargemeinschaft an der Finanzierung solcher Stoffe beteiligen. Auf politischen Druck hin wurde nun der Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Peter Sawicki – ehemals Mitherausgeber der pharmakritischen Publikation Arznei-Telegramm (für Laien ist die Zeitschrift "Gute Pillen, Schlechte Pillen" zu empfehlen) – geschasst.

Das IQWiG berät den Gemeinsamen Bundesausschuss, der u.a. entscheidet, welche neuen Medikamente in den Leistungskatalog der GKV aufgenommen werden. Das IQWiG vergibt zu diesem Zweck (also Nutzen-Bewertung neuer Medikamente) externe Gutachten und sieht sich der evidenzbasierten Medizin verpflichtet. Diese Praxis hatte dann wohl an einigen Stellen die Folge, dass neue Medikamente, die nach unabhängigem Gutachten keine Vorteil gegenüber alten, schon am Markt verfügbaren Medikamente boten, in Gefahr gerieten, vom Gemeinsamen Bundesausschuss abgelehnt und nicht in den Leistungskatalog aufgenommen zu werden. Das muss gewisse Pharmahersteller (finanziell) getroffen haben, schließlich finanzieren diese laufende Forschung gerne mit so genannten Me-Too-Produkten.

Was der ganzen Farce – dem IQWiG-Chef wurde in einigen Fällen Fehlverhalten vorgeworfen, das aber rechtlich nicht zu beanstanden war – jedoch einen ziemlich ekeligen Beigeschmack gibt, ist die mehr oder minder offen vorgetragenen Begründung, die den Vorgang garniert. Und zwar müsse bei der Begutachtung neuer Medikamente doch auch das Kriterium der Wettbewerbsfähigkeit hinzugezogen werden, die bisherige Praxis sei volkswirtschaftlich nicht mehr hinnehmbar. Diese Einschätzung teilt auch unser lieber PKV-Minister Philipp Rö.

Was ist damit gemeint? Ganz einfach: Wenn Aspirin-Neu keinen Vorteil gegenüber Aspirin-Alt bringt, der Hersteller von Aspirin-Neu aber zufällig am Standort Deutschland sitzt, dann erteilt man der Produktinnovation eben doch die Zusage - ganz gleich, ob dadurch höhere Kosten im Gesundheitssystem entstehen. Ziel der gelben Gesundheitsspolitik ist nämlich, die Kosten nur für bestimmte privilegierte Akteure zu senken – z.B. für die Pharmahersteller oder für die privaten Krankenversicherer. Nicht zu Unrecht wird gemunkelt, als FDP-Mitglied bekäme man pauschal günstigere Tarife in der Privaten.

Als jemand, der wegen einer chronischen Krankheit und keinem (bzw. nur einem geringen) Einkommen, auf die Unterstützung aller Beitragszahler in der GKV angewiesen ist, macht mich so etwas nicht nur unglaublich wütend, sondern ich verspüre tatsächlich auch diffuse Ängste. Und dann ist es tatsächlich so - ich will es gar nicht glauben - das meine Hoffnung bei der sozialdemokratisierten CDU liegt, die hoffentlich dafür sorgen wird, dass die FDP ihren Freiheits-, Markt- und Invididualitätsfetischismus nicht konsequent auf die Gesundheitspolitik anwendet.

P.S.: Achtung, Satire: Gute Politik hat ihren Preis.

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