
Freunde, der Europäische Gerichtshof hat entschieden:
Aspirintabletten sind keine Bananen.
Und ihr Verkauf darf in Deutschland auch zukünftig gewissen Beschränkungen unterliegen. Nach deutschem Recht darf nur ein zugelassener Pharmazeut eine Apotheke führen und maximal drei Filialen besitzen. Kapitalgesellschaften wie Doc Morris können in der Bundesrepublik nur in Zusammenarbeit mit deutschen Apothekern Lizenzbetriebe eröffnen. Das niederländische Arzneimittelunternehmen sah durch diese Regelungen verschiedene EU-Grundfreiheiten verletzt.
Der EuGH meinte, die deutschen Regeln fänden ihre Rechtfertigung im Ziel der Gewährleistung einer sicheren und qualitativ hochwertigen Arzneimittelversorgung der Bevölkerung. Das Gericht vertrat damit auch weitgehend die Auffassung des Generalanwalts Bot (der witzigerweise mit einer
Apothekerin verheiratet ist), bei angestellten Apothekern [
die dann z.B. bei DocMorris arbeiten, Anm. 166mhz] bestehe die Gefahr, dass sie von ihrem Arbeitgeber dazu gebracht werden, wirtschaftliche Interessen über den Gesundheitsschutz zu stellen [
die deutsche "Eigentümer-Apotheke" hat natürlich weder Angestellte noch ein wirtschaftliches Interesse, Anm. 166mhz].
Der Apothekerverband ABDA raved natürlich über das Urteil und meint es sei ein "guter Tag für den Verbraucher- und Patientenschutz“.
166mhz kennt die Wahrheit und weiß:
Heute ist ein schlechter Tag für die Patientengeldbörse, ein guter für die Zukunft der profitablen Preisabsprachen der armen, wettbewerbsgebeutelten "Eigentümer-Apotheker" - und am Verbraucher- und Patientenschutz hätte sich wenig geändert, er bliebe
durchschnittlich bis nicht gut.
Die meisten Kommentatoren sprechen diese Wahrheit ähnlich deutlich aus wie der Autor.
Nur mein Freund der Prantlheribert, den ich für seine kritischen Kommentare zum sicherheitsambitionierten Wirken des Wolfgang S. schätze,
feiert das EuGH-Urteil.
Und warum? Weil:
" Die Apotheke ist, wie Rathaus und Kirche, ein Stückchen Heimat; Europa ist nicht dafür da, das den Leuten wegzunehmen. "
Und sieht das Urteil gleich im großen Kontext, ein glorreiches Zeichen wider der allmächtig bösen Deregulierung, Prantl & Pathos:
"Nicht der Markt, nicht die Kapitalfreiheit, nicht die Niederlassungsfreiheit sind die höchsten Werte, denen sich in Europa alles unterzuordnen hat."
Lieber Heribert,
grundsätzlich bin ich natürlich bei dir, wenn es um den Kampf gegen die Hydra Neoliberalismus und ihre Apologeten in Brüssel geht, aber du
verklärst in deinem Artikel leider gewaltig und entwirfst schiefe Bilder und man hat den Eindruck, dass du wenig in deutschen Apotheken unterwegs bist.
Ich muss dir nämlich aus eigener, langjähriger Erfahrung schreiben.
Bin dauerhaft beschädigt und shoppe regelmäßig in den heimatwunderbaren Heiltempeln der immer um mein persönliches Wohl besorgten Tempelbesitzer.
Es fängt damit an, dass diese Tempelbesitzer eine Religion haben und alle Tempelbesucher von deren Wahrheit und Richtigkeit überzeugen wollen. Die Message, die es zu missionieren gilt:
Wir haben zu jedem deiner Leiden das passende Präparat - ob Krebs im Endstadium oder das nervige Jucken hinter'm linken Ohr.
Das Medium des Heilversprechens: die Pharmaindustriewerbezeitung
Apotheken Umschau, von gefährlichen Atheisten spöttisch
Senioren-Bravo genannt, mit seinen
19,53 Millionen Anhänger (u.a. auch Fan: das ZDF-Vorabendprogramm).
Wenn also, Achtung: Erfahrungswert, eine verzweifelte (gläubige) Frau in den Pharmazietempel läuft und für ihren unter
Anämie leidenden Vater nach einem Tee (!) fragt, der evtl. Abhilfe schaffen könnte, dann finden die immer am Gesundheitswohl der Tempelbesucher interessierten, supergut ausgebildeten, keinen wirtschaftlichen Interessen unterworfenen Pharmaziehilfsschamanen natürlich einen Tee, der gegen Anämie hilft und nur 25 Euro pro Beutel kostet und außerdem gut gegen Wadenkrampf und Arteriosklerose hilft. Um was für eine Anämie es sich handelt fragt man natürlich nicht, wenn das Produkt so schnell an die Frau kommt
Und wenn ich von einem Zahnarzt
Diclofenac verschrieben bekomme, dann fragen die Tempelbesitzer mich natürlich nicht nach Kontraindikationen wie etwa eine chronisch entzündliche Darmerkrankungen (yay!), sondern sie wollen verkaufen, verkaufen, verkaufen. Wegen des Verbraucher- und des Gesundheitsschutzes.
Lieber Heribert,
das EuGH-Urteil ist nicht toll und ein weitgehend aufgeklärter Patient ist schnell mal genauso schlau wie die Tempelbesitzer, wenn's um speziellen Pillenkram geht. Natürlich: die Omis und Opis, die brauchen die Apotheke um die Ecke, die nicht sterben darf [hier um die Ecke finden sich auf einer Strecke von 150 Metern gleich drei Drugstores, alle im harten Wettbewerb untereinander] - sie brauchen sie wegen der einfühlsamen, aufopferungsvollen Beratung:
Brauchen sie denn noch etwas für die Blasenbeschwerden, es gibt da ein ganz neues Präparat! Schon Vitasprint probiert, Gingko gegen Demenz?
Oder Hustenbonbons?